Gretl Bauer und die Fürstenfeldbrucker vhs

Gretl Bauer © Archiv Stadt Olching
Erzieherin, Intellektuelle, Halbjüdin – und nun ist Gretl Bauer auch Namensgeberin für die Fürstenfeldbrucker Volkshochschule.

Dass in Fürstenfeldbruck zwar ein gutes Drittel aller Straßennamen nach Männern benannt ist, aber nur knapp zwei Prozent nach Frauen, hatte ich schon in einem früheren Blogbeitrag thematisiert (vgl. Straßennamen in Fürstenfeldbruck). Silvia Reinschmiedt, die Leiterin der Brucker Volkshochschule, fand das genauso empörend wie ich. Deshalb hat sie sich mit Nachdruck dafür eingesetzt, dass die hiesige vhs jetzt nach ihrer Gründerin in Gretl-Bauer-Volkshochschule umbenannt wurde.

Gretl Bauer wurde am 22.11.1894 in München als Margarete Elkan geboren. Zusammen mit ihren beiden Geschwistern wuchs sie in einer anthroposophisch geprägten Familie auf. Ihre Eltern pflegten Kontakt zu den Münchner intellektuellen Kreisen, Christian Morgenstern und Rudolf Steiner waren bei den Elkans zu Gast.
1911 beantragte Gretls Mutter Elise die Eröffnung eines Kinderheimes für zehn Kinder im nicht schulpflichtigen Alter in Neu-Esting. Ihr jüdisch-stämmiger Vater Josef errichtete hier auf einem weitläufigen, idyllisch gelegenen Grundstück ein großzügiges, modern ausgestattetes Haus.

Gretl Bauer und ihr Estinger Kinderheim

Nach dem Tod der Eltern übernahm Gretl 1925 die Leitung des Kinderheims. Wie ihre Mutter war sie ausgebildete Kindergärtnerin. Tobias Weger schreibt über sie: „Damit trat eine Frau ihr Lebenswerk an, die ihr gesellschaftliches Engagement mit geistiger Anregung verband und zu einer Seele der damals noch unbedeutenden aber aufstrebenden Siedlung Neu-Esting wurde.“

Kinderheim Neu-Esting © Archiv Stadt Olching

Das Heim, das von Anfang an mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, stand mit dem Aufstieg der Diktatur der Nationalsozialisten unter Beobachtung der NS-Behörden. Weil sie sich weigerte, in die Partei einzutreten und sie nach den Nürnberger Rassegesetzen Halbjüdin war, wurde Gretl öffentlich diffamiert und man versuchte ihr das Kinderheim zu entziehen.

Die Jahre des Nationalsozialismus

Ihre Ehe mit dem Lehrer Josef Bauer wurde 1934 geschieden. Er und andere Mitglieder seiner Familie wanderten nach Amerika aus, weil sie mit der Politik der Nationalsozialisten nicht einverstanden waren. Gretl und Josef hielten Kontakt zueinander, er wollte auch sie zur Übersiedelung in die USA überreden. Doch Gretl entschloss sich, zu bleiben.

Fortan musste sie sich alleine um das Kinderheim und um ihre Kinder kümmern. Obgleich es ihr stets ein Anliegen war, ihre Tätigkeit als Erzieherin frei zu halten von religiösen und politischen Tendenzen, konnte sie nur noch jüdische Kinder aufnehmen. 1938 wurde das Heim endgültig geschlossen. Um einer Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten zuvorzukommen, wurde es während des Zweiten Weltkriegs von Gretls Schwager und anderen Familien bewohnt.

Nach Kriegsende eröffnete Gretl Bauer ihr Kinderheim erneut. Zunächst kamen Kinder aus ausgebombten Berliner Familien hier unter. Doch weil sie die zunehmend strengeren Auflagen von Landratsamt und Gesundheitsamt nicht mehr erfüllen konnte, löste sie es 1960 schließlich auf. Ihr Sohn Wolfgang, inzwischen Kinderarzt, unterhielt von 1965 bis 1970 in einem Teil des Hauses noch eine Säuglingsstation.

Gretl-Bauer-Volkshochschule Fürstenfeldbruck © Moritz Lang

Nachdem Wolfgang aus dem Krieg zurückgekommen war, traf er sich regelmäßig mit kulturell interessierten Freunden zum Lesen, Diskutieren und Musikmachen. Als er zum Studieren nach München ging, übernahm Gretl diese Gruppe und nannte sie „Arbeitskreis geistig interessierter Menschen“- sie hatte erkannt, dass sich die Menschen nach Jahren der Gleichschaltung und Unfreiheit nach geistiger Anregung und Bildung sehnten. Deshalb organisierte sie Vorträge, Steno- und Sprachkurse, Musikveranstaltungen, Diskussionen und Lesungen. Daraus ging im April 1947 die Volkshochschule in Fürstenfeldbruck hervor, Gretl wurde zur Vorsitzenden gewählt. Das erfolgreiche erste Semester endete mit einer Abschlussfeier mit dem Kammerschauspieler Gerd Fröbe.

Eine Volkshochschule und eine Stele erinnern an Gretl Bauer

Schnell entwickelten sich Nebenstellen der Volkshochschule in den umliegenden Orten, schon 1952 wurden sie zum Kreisverband Fürstenfeldbruck zusammengeschlossen. Den Grundwert der Toleranz, der schon das Kinderheim geprägt hatte, trug Gretl Bauer nun auch in die Volkshochschule hinein.

Gretl Bauer starb am 3. März 1984; sie ist auf dem Brucker Waldfriedhof beigesetzt. Im Herbst 2020 wurde die Fürstenfeldbrucker vhs in Gretl-Bauer-Volkshochschule umbenannt. Eine Stele vor der Volkshochschule zu Gretl Bauers Ehren ist in Arbeit.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #femaleheritage der Monacensia.

Am Mittwoch, 16. Dezember 2020, werde ich Gretl Bauer und weitere Frauen unter dem Motto „Kämpferinnen“ in einem Webinar am Brucker Forum vorstellen.

Literatur:
Müller, Christine: Das Kinderheim Neu-Esting. In: Amperland (28) 1992, S. 244–247.
Weger, Tobias: Juden in Olching und Esting, 1900 bis 1950. In: Amperland (34) 1998, S. 312–318, 352–357.

 

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