Wie eine weggeblasene Daunenfeder: Renate Müller

Renate Müller in „Allotria“, 1936
Weil sie sich nicht mit Hitler verkuppeln ließ, machten die Nationalsozialisten Renate Müller das Leben schwer. Sie war eine gleichermaßen faszinierende wie tragische Schauspielerin der 1930er-Jahre.  Die Blogparade #femaleheritage der Monacensia bietet eine gute Gelegenheit, ihr Leben in Erinnerung zu rufen.

Renate Müller (26.4.1906-7.10.1937) wird in die Welt des intellektuellen Münchner Bürgertums hineingeboren. Ihre Mutter, die in Südamerika geborene Mariquita, ist Malerin. Ihr Vater, Dr. Karl-Eugen Müller, ist Schriftsteller und später Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten.
Von Anfang an fördern die liberal gesinnten Eltern die Selbstsicherheit der beiden Töchter. Das führt mitunter zu herausfordernden Situationen. So frägt Renate in der Straßenbahn einmal einen fremden Mann: „Onkel, warum hast du nur so grässlich rote Haare?“

Wehmütige Kindheitserinnerungen an Emmering

Die Sommermonate verbringen  die Müllers in Emmering, in ihrem nahe der Amper gelegenen „Wasserschlössl“. Zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Gabriele, mit der sie Zeit ihres Lebens eng verbunden bleibt, dem Kindermädchen Agathe und mehreren großen Hunden verbringt Renate hier idyllische Kindheitsjahre. Später denkt sie in einem Interview wehmütig an ihre unbeschwerte Zeit in Emmering zurück.

V.l.: Karl-Eugen, Renate, Mariquita und Gabriele Müller vor ihrem Emmeringer „Wasserschlössl“, 1910. ©Museum Fürstenfeldbruck

Ab 1912 geht Renate Müller zur Schule.  Im Winter besucht sie die Volksschule in München, im Sommer die Emmeringer Dorfschule. Hier passt sie sich den Sprach- und Lebensgewohnheiten ihrer MitschülerIinnen an.
Renate ist eine sehr aufgeweckte Schülerin, was eine Tante zu dem Kommentar veranlasst: „Wie gut, dass das Kind wenigstens klug ist, sonst hätte sie es mit ihrer Stupsnase und überhaupt dem Gesicht einmal schwer im Leben.“

Schon während der Schulzeit hat sie Gesangsstunden. Von 1920 bis 1924 leben die Müllers in Danzig.

Der Wechsel zum Tonfilm – für Renate Müller kein Problem

Als die Familie 1924 nach Berlin umzieht, nimmt Renate Müller Schauspielunterricht an der Max-Reinhardt-Schule. Ihr Debüt gibt sie am Harzer Bergtheater Thale im „Sommernachtstraum“.  Bald feiert Renate in Stummfilmrollen ihre ersten Erfolge. Doch erst mit dem Wechsel zum Tonfilm kann sie mit ihrer gesanglich geschulten Stimme ihre Fähigkeiten voll ausschöpfen.
So entwickelt sie sich zu einem der großen UfA-Stars ab Ende der 1920er-Jahre:
Von 1929 bis 1937 ist sie in beinahe 30 Filmen zusehen. Mit „Liebling der Götter“ (1930), „Viktor und Viktoria“ (1933) und „Allotria“ (1936) wird sie zu einem Markenzeichen des deutschen Films.  Das Lied „Ich bin ja heut‘ so glücklich“, das sie 1931 in „Die Privatsekretärin“ singt, wird zu einem populären Schlager.

Ihr Erscheinungsbild wird Renate Müller zum Verhängnis

Frisch, fröhlich, blond – so entspricht sie dem Idealbild einer deutschen Frau, wie es die Nationalsozialisten pflegten. Doch als sie sich von Goebbels nicht mit Hitler verkuppeln lässt, wird ihre Arbeit von den Nazis zunehmend behindert. Nur wegen ihrer großen Popularität erhält sie noch vereinzelt Rollen. Sie steht unter Beobachtung der Gestapo, ihre Beziehung zu einem nach Paris emigrierten Juden erschwert ihre Situation zusätzlich. Renate verfällt zunehmend dem Alkohol und Drogen. 1936 wird sie dazu gezwungen, in dem Propagandafilm „Togger“ mitzuwirken, ihre letzte Rolle.

Yva: Renate Müller

Renate Müllers anfangs so glückliches Leben endet tragisch und viel zu früh: Sybille Schmitz, Renates Schauspielkollegin und Freundin, findet sie im September 1937 nach einem Sturz vom Balkon ihrer Berliner Villa bewusstlos auf der Terrasse. Renate hatte eine Kopfverletzung und war wohl betrunken. Bald erliegt sie ihren Verletzungen.
Ihr Tod gibt Anlass zu Spekulationen: War es Mord oder Selbstmord oder ein tragischer Unfall nach einem epileptischen Anfall?
Ihre SchauspielerkollegInnen dürfen nicht an der Trauerfeier teilnehmen. Und obwohl Renate Müllers Eltern und ihre Schwester noch leben, wird ihr gesamter Besitz beschlagnahmt und öffentlich versteigert.
„Wie eine Daunenfeder, die man wegbläst, ist dieses Leben erloschen“, bringt Uwe Klöckner-Draga die Tragik von Renate Müllers Leben auf den Punkt.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #femaleheritage der Monacensia.

Das Bauernhofmuseum Jexhof plant ab Mai 2021 die Sonderausstellung „Lichtspiele. Geschichte des Kinos im Brucker Land“. Darin soll auch Renate Müllers Leben dargestellt werden.

Literatur:
Frühbeis, Xaver: Rätselhafter Tod von Ufa-Star Renate Müller. In: BR2, RadioWissen, 7.10.2014.
Klöckner-Draga, Uwe: Renate Müller. Ihr Leben, ein Drahtseilakt, Bayreuth 2006.
V.S.-Produktion (Hg.): Schauspielerleben: Renate Müller (Staffel 2/4), 2010, https://www.youtube.com/watch?v=ALQA0u8ilCA, abgerufen am 7.12.2020.
Wolf, Katja: Ich bin ja heut‘ so glücklich, München 2001.

 

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