Die Corona-Ferien gehen in die Verlängerung

 

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Corona-Ferien hießen diese Schultage zu Hause vor den Osterferien anfangs. Eine fragwürdige Formulierung, suggerierte sie doch ein Gefühl von Heiterkeit und Unbeschwertsein. Alles andere also, als was diese Pandemie tatsächlich bedeutet.

Als es hieß, dass die Schulen bis zum Ende der Osterferien am 19.4. geschlossen bleiben sollen, kam mir das sehr lange vor. Jetzt, wo es so weit ist, finde ich, dass diese Wochen schnell vergangen sind.

Für den 16. März, als die Kinder ihren ersten Tag Homeschooling hatten, war Corona-Ferien tatsächlich das zutreffende Wort. Denn an diesem Tag war so schönes Wetter, dass fast alle Leute draußen waren. Oberflächlich betrachtet entstand der Eindruck eines heiteren ersten Ferientages. Die Erwachsenen, die schon im Homeoffice arbeiteten, werkelten in ihren Gärten, die Kinder machten die Straßen zu ihren Spielplätzen. Mindestabstand von 1,5 Metern? Der war auch da schon empfohlen. Doch beim Anstehen am Basketball-Korb in unserer Siedlung war davon nichts zu sehen.

Auch an der Kassenschlange im Supermarkt wurden noch keine Abstandsregelungen berücksichtigt. Ein paar Tage später denke ich gerade darüber nach, als die Kassiererin dazu aufruft, Abstand zu halten, Markierungen am Boden würden den Mindestabstand anzeigen. Mitten in der Schlange stehend kann ich weder vor noch zurück und den meisten geht es ähnlich. Da flippt eine Frau aus und beschwert sich über die Unfähigkeit und Respektlosigkeit der anderen. – Die Nerven liegen also schon nach wenigen Tagen Quarantäne bei so manchen blank. Was jetzt noch für Probleme sorgt, denke ich, wird spätestens übermorgen für alle schon ganz normal sein. Und so ist es dann tatsächlich.

Ob Corona-Ferien oder Corona-Krise: Beides ist beschönigend

Wieder ein paar Tage später stehe ich am Flaschenautomaten an. Das Abstandhalten habe ich inzwischen längst internalisiert. Da giftet mich eine Frau von hinten an, ich solle gefälligst näher aufrücken, es sei ja viel zu viel Abstand, den ich da halte. Meine Erwiderung, dass es doch wohl egal sei, ob der Abstand ein halber Meter länger oder kürzer sei, kreischt sie nieder. Sie habe damit sehr wohl ein Problem, schließlich stünde sie dadurch mitten im Raum …
Die Stimmung spitzt sich also bei manchen rasch zu. Bald schon ist von der Zunahme häuslicher Gewalt zu lesen. Und schnell bieten die ersten Bildungseinrichtungen Online-Kurse und Vorträge zum Umgang mit der Krise an.

An den ersten Tagen der Ausgangsbeschränkungen werden massenweise mehr oder wenige witzige Bilder und Filmchen per WhatsApp verschickt und auf Facebook gepostet. Hauptthemen sind das Eingesperrtsein und: Klopapier.
Dann häufen sich in den sozialen Medien auch die Stimmen von Kleinunternehmern, die nicht wissen, wie es mit ihrem Geschäft weitergehen soll. Mitarbeiter in Supermarkt-Logistikzentren schildern ihr Arbeiten bis zum Anschlag wegen all der Hamsterkäufe. In ihren Kommentaren ist durchaus auch ihre Angst ob der eigenen Gefährdung rauszuhören.

Nach den Faschingsferien waren Corona-Ferien noch undenkbar

Diese merkwürdige Stimmung, dass etwas unsichtbares Bedrohliches in der Luft liegt, hatte sich schon viel früher bemerkbar gemacht. Für mich war es ein schleichender Prozess, der damit begann, dass uns Freunde auf dem Heimweg vom Schifahren in Südtirol kurzfristig nicht besuchen kamen. Denn sie wollten eine Frau aus der Gruppe zurückbringen, die ziemlich erkältet war und sich lieber schnellstmöglich daheim auf Corona testen lassen wollte als in Italien.
Nach den Faschingsferien wendet sich eine besorgte Mutter an uns vom Elternbeirat der Schule mit der Überlegung, ob es nicht sinnvoll sei, die Schulen zu schließen. Zu diesem Zeitpunkt halten wir so eine Vorstellung noch für ziemlich undenkbar. Und über die abstruse Situation, dass Kinder, die während der Ferien in Südtirol beim Schifahren waren, eine Woche nach Schulbeginn plötzlich zu Hause bleiben müssen, um niemanden anzustecken, schütteln viele von uns nur spöttelnd den Kopf.

Das Corona-Virus-Denken nistet sich ein

Bei meinen morgendlichen Hundespaziergängen begleitet mich oft eine Freundin aus der Siedlung. Natürlich ist auch da Corona zunehmend unser Gesprächsthema. Als sie davon erzählt, dass sie und ihr Mann überlegen, ob er seinen Geburtstag überhaupt noch feiern soll, bin ich zunächst irritiert. So nach dem Motto: Warum denn? Das Virus trifft uns doch nicht. Dabei ist ihre Überlegung ja höchst umsichtig. Sie sind da schon einen Schritt weiter als ich …
Wir unterhalten uns darüber, dass in Firmen nachgedacht wird, die Führungskräfte vorsorglich zu impfen – womit auch immer. Ich überlege, ob sich da mal wieder die alte Zwei-Klassen-Medizin, übertragen auf ein gesellschaftliches Zwei-Klassen-System breit macht: eine Führungskaste mit Privilegien und das gemeine Volk, das halt irgendwie durchkommen muss.

Vorbereitungen für die Schulschließungen werden getroffen

Exakt drei Wochen nach dem abgesagten Schiurlaub-Besuch kommt unsere Freundin dann von einer Fortbildung aus zu uns. Eigentlich sitzt sie dort mit anderen Mebis-Cracks zusammen, um diese Plattform weiterzuentwickeln. Sie berichtet davon, dass sich das Treffen inzwischen zu einem Krisenteam zur Vorbereitung der Schulschließungen entwickelt habe. Ich meine, dass erst da das Ausmaß des Corona-Problems wirklich bei mir angekommen ist. ‑ Stunden zuvor hatte ich noch den Kopf darüber geschüttelt, dass mir eine Gruppe eine vereinbarte Kirchenführung wegen Corona abgesagt hatte.

Am nächsten Tag treffe ich mich mit anderen BBV-Mitstreiterinnen zum Verteilen von Wahlwerbung für die anstehenden Stadtratswahlen vor dem AEZ. Das ist der 12. März und man darf noch ohne Einschränkungen öffentlich präsent sein.
Nach den Gesprächen des Vortags habe ich mir vorgenommen, im Anschluss gleich noch zum Einkaufen zu gehen, um für unsere fünfköpfige Familie vorsichtshalber ein paar Lebensmittel mehr daheim zu haben als sonst. – Auf gut Deutsch: Hamsterkauf!

War im Chat des Elternbeirats anfangs der Woche noch der Preis für eine geplante Klassenfahrt das Thema, geht es nun um anfallende Stornokosten für ein abgesagtes Schilager. Auch die Ankündigung, dass die Kinder auf eine Schulschließung vorbereitet werden, macht die Runde.

Eine merkwürdig gedämpfte Stimmung liegt über dem Marienplatz

Am Nachmittag desselben Tages bin ich bisher zum letzten Mal nach München gefahren: Bei der Eröffnung der Taschner-Ausstellung am Jexhof hatte uns eine der Kuratorinnen eine Führung durch die Schuh-Ausstellung des Stadtmuseums angeboten.
Eine seltsame Stimmung ist über dem Marienplatz, als ich von der S-Bahn hochkomme. Es ist so angespannt ruhig. Und es sind bedeutend weniger Menschen unterwegs als sonst. – Liegt’s an den Italienern, von denen zu diesem Zeitpunkt schon ein Drittel nicht mehr ausreisen darf? Man spürt förmlich, dass etwas in der Luft liegt.

Im Stadtmuseum erfahren wir dann, dass die Bücherschau junior abgesagt worden ist und dass sich das Museum auf eine Schließung vorbereit. Im Foyer des Museums treffe ich eine Kollegin, die eine Gruppe junger Leute in gebührendem Abstand im Halbkreis für eine Führung um sich versammelt.
Eine der beiden Museumsmitarbeiterinnen begrüßt uns mit Handschlag, die andere hatte zuvor mit Hinweis auf die aktuelle Situation darauf verzichtet.
Bei der Heimfahrt überlege ich, wie hoch das Infektionsrisiko im öffentlichen Nahverkehr wohl sein mag. Ich versuche, einen Platz zu bekommen, an dem das Gedränge nicht ganz so dicht ist – ein schwieriges Unterfangen im Berufsverkehr …

Tags darauf erscheint meine verabredete Führung nicht in der Klosterkirche, nachdem die Stadt alle Veranstaltungen, einschließlich der geplanten „Friday- for-future“-Demo im Stadtpark abgesagt hatte. Und dann kommt an diesem Tag die inzwischen schon erwartete Ankündigung der Schulschließungen, der Corona-Ferien, bis nach den Osterferien.
Ich schau mir von da an jeden Tag brav die Tagesschau-extra-Sendungen an und bin zunehmend verunsichert. Merke, dass sich im Hinterkopf allmählich eine kleine Portion Angst darüber, wie es wohl weitergeht und ob wir gesund bleiben, einnisten will. Und zugleich kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es auch uns treffen könnte.
Dabei ist das Virus inzwischen auch im Familienkreis konkretes Thema: Meine Schwester arbeitet in der Notaufnahme. Nachdem sie in der Klinik den Fall eines Corona-Patienten mit untypischen Symptomen hatten, wird sie nun regelmäßig auf Covid-19 getestet.

Die Corona-Ferien beginnen mit einem Zusammenbruch von Mebis

Am Wochenende werden sämtliche Kurse und Vorträge bei den Bildungseinrichtungen bis auf Weiteres abgesagt. Und am Montag beginnen dann die Corona-Ferien mit einem Zusammenbruch von Mebis. Die Plattform war ursprünglich nicht auf diesen Massenzugriff ausgerichtet. Auch von Hackern ist die Rede. Die Lehrer suchen sich  unterschiedliche andere Lösungen. Spätestens am Dienstag fühle ICH mich davon überfordert. Ich frage mich, was da auf uns Eltern noch so zukommt. Und ehrlich gesagt, habe ich auch keine Lust darauf, die Rolle der Lehrerin zu Hause übernehmen zu müssen.
Der Gedanke bewirkt, dass ich mich schlecht fühle, als echte Rabenmutter, die sich nicht für ihre Kinder engagieren will. Unsere Tochter arbeitet schnell sehr selbstständig, bei unserem Jüngsten dauert es beinahe eine Woche, bis sich dieses Homeschooling so einigermaßen einpendelt. Und ich brauche auch, bis ich so etwas wie einen Alltagsrhythmus für uns alle hinbekomme.

Corona-Singen gegen den Quarantäne-Koller

Und seit 23. März gibt es bei uns in der Siedlung, nach dem Vorbild der Italiener, das Corona-Singen. Schnell schließen sich immer mehr diesem Abendritual an. Es entwickelt sich zu einem Fixpunkt des Alltags in der Krise. Red Bag, unsere Siedlungsband, macht die Musik bis in die hintersten Ecken der Siedlung hörbar, trotz des nötigen Mindestabstands. Bei offenem Fenster bekommen seither alle von uns ein kleines Abendkonzert. Inzwischen werden auf diesem Weg auch die Geburtstagsständchen gesungen – nie war der Chor der Gratulanten so groß wie zu diesen Quarantänezeiten!

Leben im Krisenmodus

Allmählich pendelt sich der Alltag ein. Zwar werden Fortbildungen und Treffen abgesagt, aber es finden sich auch neue Formen der Kommunikation und der Zusammenkunft. Für andere mag es ja längst selbstverständlich sein, doch ich belege zum ersten Mal ein Webinar und entdecke das Skypen für mich. Museen gehen online, die Bildungsträger stellen Online-Seminare und Durchhalte-Videos ins Netz. Auch ich beteilige mich mit zwei Kurzfilmen über Brucker Frauen beim Brucker Forum auf vimeo.
Wie gut, denke ich mir, dass uns diese Pandemie jetzt heimsucht und nicht vor dreißig Jahren. Da hätten wir weitaus weniger Möglichkeiten der Kommunikation gehabt. So sind auch die Bewohner der Altenheime nicht ganz so isoliert, man kann sie zumindest virtuell besuchen. –
Vielleicht wäre dann aber alles auch ruhiger abgelaufen und es wären weniger Gerüchte im Umlauf? Vielleicht wäre dann, von den Medien gepuscht, nicht so schnell wieder die Rede vom Ausstieg aus dem Ausstieg gewesen?

Alle sind überfordert. So eine Situation hatten wir noch nie. Da ist es schwer, Entscheidungen zu treffen, die weitreichende Folgen haben können. Doch ohne den medialen Druck bliebe eventuell mehr Ruhe zum Entscheiden.

Sprachregelungen in Krisenzeiten

Was ich aber noch immer nicht verstehe: Warum eigentlich wird so beschönigend von Corona-Ferien und Corona-Krise gesprochen? Beides suggeriert ein mehr oder weniger schnelles Ende. Bis jetzt trauen sich nur wenige, statt Krise den viel treffenderen Begriff Pandemie zu gebrauchen. Weil wir so gerne den Kopf in den Sand stecken und meinen, was ich nicht benenne, existiert nicht? Dieser Trick funktioniert nicht mit einem unsichtbaren Virus, das derzeit die Welt aus den Angeln hebt.
Krankheit und Tod sind da unbestechlich. Die erschreckenden Bilder aus Italien, auf denen zu sehen ist, wie die Toten lastwagenweise weggefahren werden, das ist die erschütternde Realität. Und nur, wenn wir hinschauen und die Dinge beim Namen nennen, können wir dagegen angehen. Nur eine sehr klare Sprache hat vielleicht die Chance auf Einsicht. Beispielsweise darauf, dass es eben unvernünftig ist, als potenzielle Virenschleuder ohne den nötigen Mindestabstand joggend und radelnd die Spaziergänger zu überholen.
Oder das Suggerieren von Sicherheit durch einen verpflichtenden Mundschutz bei zunehmender Öffnung der Geschäfte – machen wir uns da nicht was vor?

19.4.2020: kein Ende der Corona-Ferien in Sicht

Schon lange vor dem 19.4. war klar, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine Rückkehr zur Normalität geben kann. Die Rede der Kanzlerin hat deutlich gemacht, dass uns das Virus noch lange beschäftigen wird. Unsere Ausstellungseröffnung am Jexhof haben wir auf Juli verschoben, das Museum bleibt bis auf Weiteres geschlossen.
Die Kinder sollen nach und nach zurück in die Schule geholt werden. ‑ Mal sehen, wie lange die Corona-Ferien für die Schülerinnen und Schüler der unteren und mittleren Jahrgangsstufen und die Corona-Katastrophe für alle noch andauern wird.

Zu meinem Geburtstag werden die Frisöre wieder geöffnet haben und Claudia, meine liebe Frisörin, kann mir meine wild gewachsene Mildred-Scheel-Locke wieder entfernen. – Geburtstag in Zeiten von Corona. Für den Abend habe ich mir schon Amazing Grace von unserer Siedlungsband gewünscht, mit Susi an ihrem Dudelsack.

2 Gedanken zu „Die Corona-Ferien gehen in die Verlängerung

    1. Danke, lieber Richard! Hab für unsere Band jetzt auch noch den Youtube-Link gefunden und verlinkt, für Interessierte zum Reinhören …

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