Alle Jahre wieder: Weihnachtsrituale

© Elisabeth Lang

Weihnachtsrituale – keine Zeit im Jahreslauf ist mit so vielen Ritualen besetzt wie Weihnachten. Auf all die katholischen Gebräuche, die bei uns dazugehören, will ich hier gar nicht eingehen. Ich meine jetzt unseren ganz profanen Alltag. Rituale ordnen und erleichtern das Leben, meine ich. Deshalb treten sie wohl gerade im Dezember so geballt auf.

So muss ich mir spätestens jetzt Gedanken darüber machen, was ich wem schenken möchte, und auch darüber, womit andere Familienmitglieder die jeweils wieder anderen in der Familie beglücken könnten.
Wie gut, dass sich unsere Speisenrituale etabliert haben! So müssen wir also nicht auch noch überlegen, was wir Besonderes kochen könnten. Nein, wir müssen „nur noch“ einkaufen – und im Idealfall nicht vergessen, das vorbestellte Fleisch beim Metzger möglichst vor Ladenschluss abzuholen …
Der Brauch mit den Plätzchen sieht bei uns so aus: Meine Schwester backt den größten Teil, wir essen den allergrößten. Und damit auch an Weihnachten noch Restbestände vorhanden sind, verstecke ich einen Teil – auch das gehört fest zum Ablauf dazu.

Die Jagd nach dem besten Baum – eines der ganz besonderen Weihnachtsrituale

Ein weiteres Weihnachtsritual, das allerdings in den Zuständigkeitsbereich meines Mannes fällt, ist der Christbaumkauf. Fester Bestandteil dieses Ritus‘ ist es, den Baum erst möglichst spät zu besorgen. Denn zum einen steht er dann bei uns daheim nicht so lange im Weg rum und zum anderen ist dann die Auswahl begrenzter und somit einfacher. Und weil das Angebot übersichtlicher ist, kann man auch eher Raritäten mit zwei oder noch mehr Spitzen finden und Gäste mit solchen Exklusivitäten verblüffen.

Allmählich ausgepostet: die traditionelle Weihnachtspost

Zu meinem großen Bedauern hat sich eines der lange äußerst intensiv gepflegten Weihnachtsrituale leider sehr gewandelt: die Tradition der Weihnachtspost. Alle Jahre wieder hängen wir die ab Anfang Dezember eintrudelnden Briefe und Karten an das Treppengeländer. Jahrelang entstand so im Laufe des Monats eine Art bunter, undurchsichtiger Wandbehang. Wie kahl kam mir im Januar doch unser Treppenhaus immer vor, nachdem ich die bunten Weihnachtsgrüße wieder abgenommen hatte! Doch im Lauf der letzten Jahre wurde dieser Fleckerlteppich immer dünner und kleiner. Heuer kann ich wirklich nicht mehr von einem Teppich sprechen. Vielmehr hat die Kartensammlung allenfalls noch die Größe eines Handtuchs.
Stattdessen zeigt mein E-Mail-Postfach neue Rekordeingänge an Mails und ständig blinkt mein Smartphone, um mir die neu eingegangenen WhatsApp-Grüße anzukündigen. Ich bekomme – und schreibe – jetzt viel mehr Weihnachtspost. Schließlich geht es ja viel schneller. Und ich freue mich auch über all diese Grüße. Aber selbst, wenn es sich nicht um Mails handelt, die als Blind Copy an unendlich viele Empfänger gleichzeitig geschickt wurden, oder um die zweite oder dritte Kopie eines vielleicht sogar witzigen oder gut gemeinten Weihnachtsapps: All diese flüchtigen digitalen Grüße werden nie an die herkömmlich verfassten heranreichen. Denn obgleich ich bei der Post aus der analogen Welt vielleicht nicht jedes Wort lesen kann: Sie ist bunt, sie ist individuell, sie hat vielleicht sogar eine besonders schöne Briefmarke. Und: Ich kann sie ans Treppengeländer hängen.

 

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