Erdbeeren und der gute Ton – eine synästhetische Geschichte

Sie leuchten, sie duften, sie schmecken: Frische Erdbeeren  sind immer wieder etwas Besonderes, finde ich. – Manchmal auch ihr Einkauf. Wie neulich im Supermarkt.

Der Einkaufswagen quillt schon beinahe über mit Lebensmitteln, die man so braucht oder auch nicht, um eine gefräßige fünfköpfige Familie am Wochenende vor dem sicheren Hungertod zu bewahren. Da fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich ja heute die Erdbeersaison eröffnen wollte. Ich navigiere also meinen Einkaufswagen vom bereits eingeschlagenen Weg zur Kasse zurück in die Obstabteilung. Wunderbarer Erdbeerduft lotst mich zielsicher zu ihnen.

Gammelige Erdbeeren als Pendant zum Gammelfleisch?

Aber: Wie kann man eigentlich ästhetisch so unsensibel sein, diese ohnehin fantastisch rot leuchtenden Früchte in quietschblauen Plastikschälchen anzubieten? Vielleicht ist es ja der Versuch, dadurch vom Inhalt abzulenken? Der nämlich kann Ablenkung ganz gut gebrauchen: In dem Schälchen, das ich zunächst völlig unbedarft in meinen Wagen legen möchte, bemerke ich so nebenher einen braunen Fleck an einer Erdbeere. Nun ist natürlich mein kritischer Geist geweckt und ich drehe und wende jede Frucht. Und je mehr ich drehe und wende, desto mehr faulige und angedätschte Erdbeeren finde ich in dieser superblauen Fruchtschale. Klar, dass ich sie durch einwandfreie Ware aus den Nachbarschälchen ersetze.  Bis mich eine bedrohliche Stimme von hinten in meinem Tun innehalten lässt: „Ja, ja, ois angrapschn, und die andern Leit soin dann des zammdätschte Zeig kaufn!“ Ich schau irritiert in ein grantiges, nickelbebrilltes Vollbartgesicht. „Ja, genau Sie moan i!“, bellt der graue Vollbartzopf. „Naja, ich will halt auch kein gammeliges Obst kaufen“, bringe ich zu meiner Verteidigung hervor. „Dann leg‘n ses hoid wo anders hin!“, grantelt der Vollbart weiter und zischt davon.

Hm. Wo er recht hat, hat er recht. Aber es dauert eine Weile, bis ich mir das eingestehen kann. Denn bei so einem Geblaffe schreit erst einmal alles „Nein!“ oder „Du …!“ in mir. Da denke ich mir: Meinen Kindern geht’s bestimmt auch öfter so: Ich schnauze sie an und sie schalten auf stur. Meine Urgroßmutter hätte in diesem Falle gesagt: Der Ton macht die Musik.

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