Am Fahrradständer

© Elisabeth Lang

Eben habe ich meinen Einkaufswagen aus dem Supermarkt gewuchtet, an seinen Abstellplatz zurückgeklickt und schleppe mich zum Fahrradständer. Wegen der schweren Einkaufstaschen hängen meine Arme so weit nach unten, dass gewisse Ähnlichkeiten mit einem Schimpansen vermutlich nicht ausgeschlossen sind.

Da steht ein älterer Herr neben dem Radlständer, angetan mit grauem Trachtenfilzhut und ockerfarbenem Rentnerblouson. Mit seiner himbeerroten Knubbelnase hätte er bei dem jährlich stattfindenden Wettbewerb um den größten Zinken beste Chancen auf schätzungsweise Platz 2 ½. Er schaut aus wie bei einer Servicehotline in der Endloswarteschleife: schicksalsergeben und doch darauf hoffend, das sich alles noch zum Gutem wendet. Ich frage ihn, ob ich ihm irgendwie helfen könne. „Naa“, sagt er, „ez hod ma oana mei Radl o’gschbert und i ko ned wegfoan.“ – Ooooh …! Zum Glück ist das nicht MEIN Fahrrad!, denke ich. „Ja, und was machen S‘ jetzt?“, möchte ich aufrichtig mitfühlend wissen. „Naja, ez muas i hoid wartn, bis eamds z’ruckkimmt.“ Ansonsten habe er schon mit den Arbeitern von der Baustelle nebenan gesprochen: Die täten ihm das Schloss notfalls aufschneiden. – Was wiederum darauf schließen lässt, dass er wohl schon ein wenig länger hier wartet.

Hektik am Fahrradständer wird zum Fiasko

Wie kommt man eigentlich dazu, das Nachbarfahrrad statt das eigene abzuschließen? Schlechter Scherz? Nein, vermutlich war da eher jemand ein wenig zerstreut. Und unaufmerksam, wie derjenige war, hat er, zack, das Fahrrad eines unbedarften Fremden abgesperrt. ‑ Hätte also auch ich sein können in meiner Hektik und der daraus resultierenden Zerstreutheit. Denn wie das im Alltag halt oft so ist, packe ich oft zu viel in zu wenig Zeit hinein. Da fahre ich nicht einfach nur zum Supermarkt, weil die Milch für den Pudding ausgegangen ist.  Nein: Ich radle gleich noch weiter zur Post, weil der Brief auch noch weg muss. Aber schön zackig! Denn der Pudding soll ja fertig sein, bevor ich unseren Jüngsten zum Fußballtraining karre. ‑ Blöd nur, dass ich in einer solchen Situation einmal mein Radl zwar abgesperrt, den Fahrradschlüssel aber zu Hause vergessen hatte. Seither habe ich ein Zahlenschloss. Vorsichtshalber mit meinem Geburtsdatum als Zahlenkombi, weil ich  das auch in der größten Hektik noch nie vergessen habe. Bisher zumindest.

„In der Ruhe liegt die Kraft“, heißt es. Dass dieser Herr vielleicht noch immer beim Supermarkt steht, als ich schon längst zu Hause bin, liegt an uns Hektikern. Ich wünsche allen Hektikern so viel Ruhe, wie sie der Trachtenfilzhutträger vor dem Edeka ausgestrahlt hat. Wer weiß: Vielleicht hätte ja schon alleine das Tragen eines solchen Hutes eine therapeutische Wirkung?

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