Der Amoklauf in München und meine neuen Schuhe

© Elisabeth Lang

Der Amoklauf in München hat mir zu neuen Schuhen verholfen. Dabei wäre das bei der Bestückung meines Schuhschranks eigentlich nicht wirklich nötig gewesen.
Aber das sind sie nun also, meine neuen Clogs, die meinen alten bis auf die Farbe in allem gleichen. In Blau waren sie noch schöner, doch Grau ist auch okay. Warum dann neue? Weil Clogs zum Gehen zwar super bequem sind, zum Rennen aber ungeeignet. Das jedoch musste ich, als vor einem Jahr am Stachus die große Panik ausbrach.

Ein Amoklauf in München? Damit rechnet keiner an einem lauen Sommerabend wie diesem.

Dabei hatte alles so friedlich begonnen: Mein Mann und ich haben uns zum Wochenausklang auf dem Odeonsplatz getroffen. Dort findet zum Jubiläum des Reinheitsgebots ein Bierfestival statt.
Bei zunächst bestem Wetter hören wir
Da Huber, da Meier und i. Nach dem Konzert schlendern wir über das Festivalgelände, schauen hier, probieren dort und verabreden uns schließlich mit meiner Schwester in Talkirchen. Sie kommt mir zwar ein wenig kurz angebunden vor am Telefon, ich denke mir aber nichts weiter dabei. Genauso wenig wie bei den zahlreichen Martinshörnern, die aus den angrenzenden Straßen zu hören sind – mei, ist halt München, da ist öfter mal was los. An einen Amoklauf in München denkt niemand an diesem lauen Sommerabend.

Ich fühle mich in der Stadt eingesperrt

Ein bisschen seltsamer finde ich es dann schon, als wir im Sperrengeschoss der U-Bahn erfahren, dass derzeit keine Züge verkehren. Naja, laufen wir eben zum Marienplatz, wer weiß, was auf einem der Bahngleise am Odeonsplatz passiert ist, so meine Überlegungen. Leise Zweifel, ob denn am Marienplatz der Zugverkehr laufe, überkommen uns indes schon. Verstärkt dadurch, dass wir nun wiederholt Hubschrauber über uns wahrnehmen und uns zunehmend das Gefühl beschleicht, dass etwas nicht stimmt. Und so überrascht es uns nicht wirklich, als uns vom Abgang Marienhof Menschen entgegenkommen, die sagen, dass der gesamte öffentliche Nahverkehr in München eingestellt worden sei.
Talkirchen können wir jetzt also getrost vergessen. Aber vielleicht, so denken wir, könnten wir ja mit einem Zug nach Pasing fahren und dort in unsere S-Bahn heim nach Fürstenfeldbruck umsteigen? Vielleicht fahren die S-Bahnen ja außerhalb des Stadtgebiets? Also machen wir uns auf den Weg vom Marienplatz Richtung Hauptbahnhof. Plötzlich fühle ich mich in der Stadt eingesperrt.

Eine unheimliche Ruhe erfasst die Stadt

Mein Mann hört inzwischen über sein Handy Radio. Nun wissen wir von einer Schießerei im OEZ mit mehreren Toten und vielen Verletzten. Wie schrecklich! Die Rede ist zudem von vermutlich drei  Tätern, die auf der Flucht seien. Nun denn, das OEZ ist ja relativ weit weg von uns.
Trotzdem fühle ich mich unwohl. Dabei scheint eigentlich alles wie immer zu sein: Die Stadt ist voll wie so oft, die einen gehen gelassen vor sich hin, die anderen bummeln raumfüllend durch die Straßen und bremsen mit ihrem Tempo und ihrer Masse die Eiligen aus, wieder andere bleiben stehen und lesen in ihren Reiseführern oder auf den Handys.
„Findest du nicht auch, dass eine merkwürdige Stimmung über der Stadt liegt?“, frage ich meinen Mann. „Nein“, antwortet er, „vielleicht liegt’s ja am aufziehenden Gewitter.“ Ja, inzwischen kommt zunehmend Wind auf, Blätter wirbeln durch die Luft und immer diese rotierenden Hubschrauber über uns! Ein junger Bartträger mit Sonnenbrille und Strohhut fotografiert sie.

Ein terroristischer Anschag oder ein Amoklauf in München?

Und mein Mann ist ganz nüchtern mit den Nachrichten beschäftigt: Man weiß nicht, ob es ein Amoklauf oder ein terroristischer Anschlag war. ‑ Wenn Anschlag, so geht es mir durch den Kopf, dann könnte es ja sein wie in Paris, wo die Täter an mehreren Orten in der Stadt fast gleichzeitig zugeschlagen hatten. Oder wie auf den Tag genau vor fünf Jahren in Norwegen? Wo der irre Täter zunächst eine Bombe im Regierungsviertel gezündet und dann auf Utoya zahllose Menschen kaltschnäuzig erschossen hatte?! Aber nein, versuche ich mich zu beruhigen, mach dich jetzt bloß nicht verrückt. Trotzdem will ich nur noch weg von hier, nach Hause zu meinen Kindern. Warum waren wir überhaupt hier? Wäre ich doch nur zu Hause geblieben!
Eine seltsame, unheimliche Ruhe scheint die Stadt inzwischen erfasst zu haben. Auf der Neuhauser Straße flanieren die Menschen nach wie vor an den Schaufenstern entlang, viele sitzen vor den Straßencafes und Wirtshäusern bei Kaffee oder Bier, starren auf die Displays ihrer Smartphones, unterhalten sich oder beobachten die Passanten, Kinder pritscheln mit dem Wasser der Springbrunnen. Ich meine, noch nie so viele verschleierte Frauen hier gesehen zu haben. – Was, wenn eine von ihnen auch vom IS instrumentalisiert worden ist und gleich wild um sich schießt? – Ich schäme mich für diesen Gedanken, ich wollte doch immer allen Menschen gegenüber möglichst unvoreingenommen sein! Und dennoch steigt zunehmend mehr Unbehagen in mir auf.

Panische Schreie und alle fangen an zu rennen

Kurz vorm Karlstor dann ertönen plötzlich panische Schreie und Gekreische und alle fangen an, in die Seitenstraßen zu laufen. Wir rennen mit, die Leute in den Cafes ducken sich unter die Tische oder flüchten sich nach innen, andere verstecken sich hinter Bauschuttcontainern oder drängeln sich in irgendwelche vermeintlich sicheren Ecken. Ich halte Ausschau nach einem Versteck, kann aber keines finden. Also weiterlaufen. Das geht aber nicht mit meinen Clogs. Ich darf aber jetzt nicht hinfallen! Bilder von der Loveparade in Duisburg tauchen vor mir auf: Menschenmassen, die bei dieser Massenpanik über die Hingefallenen einfach hinweggetrampelt sind. Ich darf aber auch nicht stehen bleiben zum Schuheausziehen, auch dann könnte mich jemand überrennen. Und ich trau mich nicht, mich umzudrehen, weil ich nicht sehen möchte, was hinter mir ist, weiß also auch nicht, wie viele hinter mir laufen. Bloß weg von hier! Also schleudere ich meine Schuhe weg und laufe weiter. Mein Mann, wo ist mein Mann? Hier, er läuft neben mir. Ich glaube nicht, dass uns was passiert, weil ich nicht will, dass uns was passiert. Ich glaube nicht, dass wir sterben werden, aber wissen tu ich es nicht. Das hier darf einfach nicht sein! Aber anders als in einem schlechten Traum weiß ich, dass ich nicht gleich aufwachen werde und dann ist alles vorbei. Das hier ist real, auch wenn es mir nicht passt. Und nochmals Schreie hinter uns. Also weiterlaufen. Wir wollen in die nächste Straße einbiegen, aber auch von dort kommen uns Menschen entgegengelaufen. Aber wohin denn dann? Plötzlich Panik: Was, wenn es hier zu eng wird und alle in eine andere Richtung wollen?

Wir müssen irgendwie raus aus der Innenstadt

Den Bahnhof als Ziel haben wir längst aufgegeben. Wir müssen irgendwie aus der Innenstadt raus. Also doch nach Talkirchen zu meiner Schwester. Irgendwie landen wir dann in der Sonnenstraße. Auch hier massenweise Menschen. Die einen stehen und schauen verunsichert, die anderen laufen Richtung Sendlinger Tor. Weinende, panische und orientierungslose Gesichter um uns herum. Passanten, die uns entgegenkommen, fangen wir ab und schicken sie weg von der Innenstadt. Mein Mann lässt sich auf lange Erklärungen ein. Das macht mich wütend. Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit, wir müssen hier weg! Massenweise Verkehr auf der Sonnenstraße. Stau, Hupen und das Martinshorn von Polizeifahrzeugen. Wahrscheinlich sperren sie den Stachus, ich dreh mich aber nicht um, will nur nach vorne schauen und weg von hier. Der Kraftverkehr wirkt ruhiger als wir Fußgänger. Naja, die sitzen auch sicher in ihren Fahrzeugen, wir sind im Worstcase Freiwild für vermeintliche Scharfschützen. Habe ich Angst? Klar, aber eigentlich hab ich dafür jetzt keine Zeit.

Als wir endlich Richtung Kapuzinerstraße kommen, findet mein Mann die Ruhe, im Gehen unsere Tochter anzurufen. Sie sitzt weinend am Telefon, hat Angst um uns und weiß uns zu berichten, dass unser ältester Sohn, ebenfalls in München unterwegs, in einem Kino in Sicherheit ist. Gott sei Dank, wenigstens das! Inzwischen wissen wir auch, dass der Hauptbahnhof evakuiert wurde, wir also heute nicht mehr nach Hause können. Zum Glück haben wir eine Supernachbarschaft. Unsere beiden jüngeren Kinder können bei den Nachbarn schlafen, sie sind also versorgt. Wenigstens das!
Entlang der Straßen sitzen Menschen vor den Kneipen. Ich schnappe Telefongesprächsfetzen auf, in denen geschildert wird, dass hier alles relativ ruhig sei, dass allerdings scharenweise Fußgänger aus der Innenstadt vorbeizögen. Vermutlich schaut das aus deren Perspektive aus wie bei den Lemmingen. Aber wie sicher sind diese superlässigen Kneipenhocker tatsächlich? Was, wenn so Verrückte mit einem Auto hier vorbeirasen, mit dem Maschinengewehr im Anschlag? Wird schon nicht passieren, versuche ich mich zu beruhigen. Aber sein könnte es doch. Deshalb nur nicht stehen bleiben.

An einer roten Ampel stehend fühle ich mich völlig schutzlos

Als wir an einer Ampel in der Mitte anhalten müssen, weil sie auf Rot umschaltet und neben uns eine Mutter mit Kind brav wartet, fühle ich mich vollkommen schutzlos, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass hier gleich einer wild drauf losschießt, bestimmt sehr gering ist. – Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich gerade in München bin, wenn ein Anschlag oder ein Amoklauf stattfindet, hatte ich ja auch immer für sehr gering gehalten! Und dass es sich um einen Einzeltäter handelt, der sich inzwischen selbst getötet hat, werden wir erst viel später erfahren, als wir sicher bei meiner Schwester vor dem Fernseher sitzen. Auch dann erst werden wir darüber informiert werden, dass am Stachus nicht wirklich was passiert ist.
So aber laufen wir weiter mit der Unsicherheit darüber, was da noch kommen könnte. Mehrere Kilometer nach Talkirchen. Ich barfuß. Bei der Großmarkthalle schmerzt mein linker Fuß immer mehr. Irgendwas hab ich mir eingetreten. Ich kann nur noch seitlich auftreten. Ich hätte gern ein Taxi. Aber die haben inzwischen Anweisung, keinen mehr mitzunehmen. Also weiterlaufen. Bloß nicht stehen bleiben. Bis auf einmal: Da bleiben wir kurz stehen, umarmen uns und sind froh darüber, dass wir beide heil davon gekommen sind. Wahrscheinlich jedenfalls. Wie zerbrechlich so ein menschliches Leben doch sein kann! Inzwischen hört Gerd die Aufrufe der Polizei in den Nachrichten, dass die Münchner zu Hause bleiben und ihre Wohnungen nicht verlassen sollen. Wir aber müssen erst einmal an einem sicheren Ort ankommen!

Für eine kurze Zeitspanne sind wir also auf der Flucht. Das mag vielleicht pietätlos klingen, wenn man an das Elend der Geflohenen der letzten Jahre denkt. Elend fühle ich mich aber trotzdem, auch wenn meine Angst bestimmt unbegründet ist. Hoffe ich zumindest. Der Gedanke an das, was unsere Asylbewerber unterwegs erlebt haben mögen, bekommt hier eine andere Dimension für mich.
Eigentlich hatte ich immer damit gerechnet, dass in München was passieren wird. Aber ausgerechnet jetzt? Ich hatte eher an das Oktoberfest gedacht.

Angespannte Ruhe im Krankenhaus

Als wir endlich ankommen, wirkt das Gesicht meiner Schwester wie zu einer Maske erstarrt. Einer Maske aus Angst um uns. Wir fallen uns erleichtert in die Arme. Sie muss jetzt zum Nachtdienst in die Klinik, wir können durchatmen und uns erholen. Doch zuvor humple ich mit ihr ins Krankenhaus, damit mir dort eine Ärztin den Splitter oder Dorn aus dem Fußballen zieht.
In der Klinik herrscht angespannte Ruhe. Natürlich sind auch hier alle verunsichert und beunruhigt darüber, was auf sie zukommen kann im Laufe der Nacht. Sämtliche Krankenhäuser haben Anweisung, Notfallbetten bereitzustellen. Die Kollegen von der Spätschicht wollen nicht wirklich nach Hause, zu unsicher ist, was sie auf dem Heimweg erwartet.

Nach der Entwarnung: Scham und Wut

Später, als wir in einer der Dauerberichterstattungen im Fernsehen erfahren, dass am Stachus kein Attentat war, schäme ich mich für meine Ängste und die Hysterie, in der ich meine Schuhe weggeschmissen habe. Dann aber werde ich wütend. Denn all das, was wir erlebt haben, war ja vermeintlich real. Es macht mich wütend, dass es Menschen gibt, die kaltschnäuzig auf andere schießen. Die eine solche Untat, wie sich herausstellen wird, eiskalt geplant haben. Es macht mich verdammt wütend, dass solche Leute eine ganze Stadt lahmlegen können und Millionen von Menschen in Angst und Schrecken versetzen. ‑ Und, nun ja, es ärgert mich auch, dass ich meine Schuhe nicht mehr habe.

Das leidige Thema Innere Sicherheit

Am Samstagvormittag ist wieder Ruhe und vermeintliche Normalität eingekehrt in der Münchner Innenstadt. Die Polizeipräsenz am Stachus ist allerdings weit höher als gestern. – War da überhaupt Polizei gewesen? Ich habe vom Odeonsplatz bis nach Talkirchen keine wahrgenommen. Ich habe aber auch nicht darauf geachtet. Und überhaupt kann ich ja verstehen, dass die Einsatzkräfte ums OEZ gebündelt werden mussten.
Bräuchten wir mehr Polizei? Hätte ich mich dann gestern sicherer gefühlt? Als ich im Frühjahr in Israel  war, kam es in der Altstadt von Jerusalem zu einem lautstarken Streit zwischen zwei Frauen. Wie aus dem Nichts kamen Polizisten aus den verschiedensten Ecken, ohne dass wir sie vorher bemerkt hatten. Aber habe ich mich dadurch sicher gefühlt? Vielleicht ein bisschen. Würde ich mir deshalb so eine unauffällige Dauerüberwachung für unser Land wünschen? Die Sicherheitslage in Israel ist eine völlig andere als bei uns. Und ich hoffe, dass es bei uns nie dazu kommt, dass eine vergleichbare Polizeipräsenz nötig wird! Ich schätze unsere Freiheit sehr und ich möchte nicht, dass sie durch zunehmende Überwachung eingeschränkt wird. Doch machen wir uns nichts vor: Auch bei uns findet eine schleichende Veränderung und eine zunehmende Verunsicherung statt.

Auf dem Weg zur S-Bahn suche ich meine Schuhe. Sie sind weg. Nicht am Straßenrand, nicht hinter einem Bauzaun, nicht in einem der Mülleimer in der Straße. Ich werde mir neue kaufen. Mein Leben geht weiter. Fast so wie bisher, mit den fast gleichen Schuhen. Aber eben nur fast.

 

 

2 Gedanken zu „Der Amoklauf in München und meine neuen Schuhe

  1. Sehr spannend geschrieben – habe gerade total mitgefiebert. Mir kam der Gedanke, dass man die Geschichten dieser Nacht, diesen Abends sammeln sollte – ich habe schon so viele verschiedene Perspektiven gehört / gelesen.

    1. Vielen Dank für die lobenden Worte! Die Idee einer Textsammlung finde ich sehr gut! Ich hätte auch noch einen Vorschlag …

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